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Mag. Evelyn Böhmer-Laufer
Psychoanalytikerin - Psychotherapeutin - Klinische und Gesundheitspsychologin - Supervisorin - Coach

"…in einer Welt leben, in der Gemeinschaft herrscht"
Peacecamp 2004: Identities unsolved?

Keine Entwicklungsphase ist für die Identitätsbildung so prägend wie die Adoleszenz: Es ist dies die Zeit, in er sich junge Menschen Fragen über ihre Wurzeln, ihr sozio-kulturelles Erbe, ihren Platz in der Gesellschaft, über das Verbindende und Trennende zwischen sich und den Anderen stellen, eine Zeit, in der sie tradierte Werte und Normen prüfen, sich von Eltern und Autoritätspersonen abgrenzen und an einem eigenen Weltbild arbeiten. Die Adoleszenz ist auch die Phase, in der Jugendliche sich Fragen über Recht und Unrecht stellen, diesbezügliche Vorstellungen der Eltern und Erwachsenen hinterfragen und nach neuen Antworten auf die vielen alten Fragen suchen, die für jede Generation Grundpfeiler ihrer Ethik, ihrer Religion und ihrer Gesellschaft sind.

Die Jugendlichen von heute gehören der dritten Generation nach dem Holocaust an und tragen, meist ohne es zu wissen, die Bürde des großelterlichen Traumas in sich. Sie leben in wieder aufgebauten oder neuen Häusern und Städten, doch diese stehen auf einem in Vergessenheit geratenen, keinesfalls aber unbedeutenden Fundament des Grauens. Viele von ihnen wuchsen - ob dies nun innerhalb ihrer Familien verbalisiert wurde oder nicht - nach dem Motto "Niemals wieder" auf - ein schwer zu realisierender Wunsch, der sich dem Wiederholungszwang des Unbewussten kaum entziehen kann. Eine weitere Erschwernis liegt in der Doppeldeutigkeit des Wunsches, "niemals wieder" ähnlich Traumatisches erleben zu müssen, bedeutet er doch, sich "niemals wieder" in der Opferrolle, aber auch niemals in der Täterrolle wieder zu finden. Dieses komplizierte, doppelte Anliegen kann eine verringerte, mitunter auch verfälschte Wahrnehmung von sich selbst und dem Anderen in der Opfer- und/oder Täterrolle nach sich ziehen.

Die so genannte "Mittwoch-Gruppe" des Psychoanalytikers Prof. Josef Shaked, die (Enkel-)Kindern von Opfern und Tätern des Holocaust Gelegenheit bietet, über Aspekte dieses schweren Erbes einen Dialog zu führen, zeigt schon allein durch ihr nun bereits zwei Jahre langes Bestehen, wie notwendig, aber auch wie schwierig dieser Dialog ist. Dies, obwohl er in unserem satten und friedlichen Österreich stattfindet, dem Wien der Moderne, einer Stadt des Friedens und des Wohlstands.

Wie unvergleichlich schwieriger muss dieser Dialog in Israel sein, dessen Menschen nicht nur das vergangene Trauma, sondern auch die weiter bestehende Traumatisierung durch Krieg und Terror leben, die dort seit jeher Teil des täglichen Lebens, der gelebten Realität, der alltäglichen Normalität sind.

So könnte man das Scheitern des "Friedensprozesses" als ein Symptom ansehen - Symptom des erlittenen Traumas beider Kontrahenten, Israelis und Palästinenser. Die Gründung des Staates Israels, Rettung und Zuflucht für die Einen, "Nakba" für die Anderen, ist Ursprung einer kaum aufzulösenden Verstrickung der Opfer-Täter-Problematik, die wie ein Krankheitskeim von einer Generation zur nächsten weitergegeben und in jeder Generation als alte, neue Krankheit durchlebt wird.

Nach dem Scheitern von Camp David II wurde mir klar, dass die am "Friedensprozess" beteiligten Personen zu "alt" und den erlittenen Traumen der Vergangenheit und der Gegenwart zu nahe waren, um sich aus der ihnen auferlegten Opfer-Täter-Verstrickung zu lösen und sich dem Problem der faktischen jüdisch-arabischen Koexistenz gemeinsam, als "Teampartner" zu stellen.

Ich wollte mich der nächsten, jüngeren Generation zuwenden, den Jugendlichen von heute, den Wählern und Politikern von morgen. Sie wollte ich zu einem lustvollen, spielerischen und zugleich ernsthaften und authentischen Dialog über ihr individuelles und sozio-kulturelles "Woher" und "Wohin" anregen und sie vor knifflige Aufgaben stellen, die man nur lösen konnte, wenn man bereit war, alte Formen des Gegeneinanders durch neue Formen des Miteinanders zu ersetzen.

So trafen vom 26.6. - 5.7.04 im kärntnerischen Rechberg drei Gruppen von 15- bis 16-jährigen SchülerInnen aus einer jüdisch-israelischen, einer arabisch-israelischen und einer österreichischen Schule zu einem 10-tägigen Workshop zusammen, um sich über ihre Identität, ihre Wurzeln und ihre Vorstellungen über die Welt, in der sie leben, auseinander zu setzen. Dazu bot die von Bergen und Seen umgebene Kommende Rechberg eine einzigartige Kulisse. Ein wie die SchülerInnengruppe multikulturelles, 10-köpfiges pädagogisches Team, bestehend aus je zwei LehrerInnen jeder der drei Schulen sowie musisch-pädagogischen Trainern unterschiedlichster Herkunft, bearbeitete mit den Jugendlichen diese Themen, die schließlich im Rahmen eines Abschlussevents vor einem größeren Publikum dargestellt werden konnten.

Zahlreiche Gesprächsrunden thematisierten Gedanken zu Krieg und Frieden. Bei manchen Aufzeichnungen könnte man keine Zuordnung treffen, von wem und von welcher der drei Gruppen sie stammten, wie etwa hier:

"Wenn ich das Wort Frieden höre, denke ich...":
- "kein Rassismus, sondern Gleichheit"
- "Freiheit und Sicherheit, eine Gesellschaft, in der alle gleich sind"
- "Frieden und Harmonie"
- "eine gerechte Lösung für jeden"
- "dass das Leben ewig ist und wir in einer Welt leben, in der Gemeinschaft herrscht".

Bei einem von der arabischen Gruppe gezeigten Sketch ging es um die Unmöglichkeit, sich mit Angehörigen der jeweils anderen Gruppe zu befreunden: Moshe und Mohammed hatten sich im Fitness-Club kennen gelernt; ihre Bemühungen, den Anderen zu sich nach Hause einzuladen, scheitern an den Vorurteilen der Eltern:
"nein Moshe, du kannst doch nicht nach Kalanswa... das ist furchtbar gefährlich", "was! zu Moshe nach Petach Tikwa... unmöglich, man wird dich dort ablehnen". Der geplante gemeinsame Kinobesuch der beiden endet mit Verdruss über die unterschiedliche - vom arabischen Jungen als demütigend empfundene - Sicherheitskontrolle am Kinoeingang: Hier blieb man als Zuschauer unangenehm berührt und betroffen in seinem Sessel sitzen; zurück blieb der fahle Geschmack oftmals wiederholter - den Jungen vorgekauter - Vorurteile.

Vor dem Friedenscamp hatten alle drei Gruppen im Rahmen ihrer gesamten Schulklasse ein vorbereitendes, semistrukturiertes Arbeitsprogramm absolviert. Sie hatten ein "Family Album" erstellt und zum Thema "Meine Identität: meine Wurzeln, meine Familie, mein Stammbaum" gearbeitet. Dazu hatten sie Familienangehörige nach ihren Ursprüngen, ihren Traditionen usw. befragt und Informationen, Dokumente, aber auch diverse Gegenstände zusammengetragen, welche die Lebensgeschichten, Lebensräume, Bräuche und Traditionen ihrer Familien dokumentierten.

Mit diesen Unterlagen stellten die Gruppen in den ersten Tagen des Camps einander vor, diskutierten Ähnlichkeiten und Unterschiede in ihren Lebensgeschichten und befassten sich mit komplexen Fragen ihrer zusammengewürfelten Identitäten: "ich bin Israeli; dass ich Jude bin, spielt keine Rolle", "ich bin Jude und Israeli, das ist für mich das gleiche", "ich bin Moslem und Israeli", "ich bin Kärntner und auch katholisch"; "was, das gibt es auch: israelischer Palästinenser?!". Kaum einer der Jugendlichen hatte sich zuvor der Komplexität dieser Fragen gestellt; und selbst die Erwachsenen waren, angesichts der Differenziertheit und Vielschichtigkeit der Diskussionen, oft sehr berührt, betroffen und manchmal überrascht: Dass es in Israel einen beträchtlichen Anteil arabischer Israeli (oder israelischer Araber???) gab, war den österreichischen jugendlichen wie erwachsenen Teilnehmern gar nicht bekannt. Da fiel auch das Mädchen aus Kalanswa auf, das ein wenig schüchtern, aber nicht ganz so schüchtern wie die anderen Mädchen aus ihrem Dorf war: Sie ist Schwimmerin in der israelischen Jugendnationalmannschaft und an das Zusammenkommen mit Menschen anderer Kulturkreise schon gewöhnt. Von den anderen arabischen Kids musste sie sich aber einige Beschimpfungen gefallen lassen, weil sie am See ihre Schwimmkünste und sich selbst im Badeanzug zeigte.

Ein ganz anderer Aspekt des Friedenscamps waren In- und Outdoor-Aktivitäten, in denen es um das gemeinsame Auffinden von Problem- oder Konfliktlösungen ging. Hier wurden die Jugendlichen mit Aufgaben konfrontiert, die man im - meist "gemischten" - Team lösen musste und deren Lösung es notwendig machte, miteinander zu kooperieren, um als Team zu siegen. Eine Schatzsuche im Wald, ein Wettrudern über den Klopeiner See, das gemeinsame Umdrehen eines Teppichs, auf dem 26 Paar Füße stehen bleiben mussten, das Umdrehen einer Decke, die 26 Paar Hände nicht los lassen durften, das gemeinsame Erstellen und Realisieren des Programms für das Abschlussevent - all das außerdem noch vor laufender Kamera - bot allen genügend Anreize, um sich in kreativer und gewaltloser Weise schlaue Lösungen einfallen zu lassen.

Am letzten Tag des Camps nahmen alle, Jugendliche wie Erwachsene, an einer von Prof. Shaked geleiteten psychoanalytischen Großgruppe teil. Auch hier wurde deutlich, dass die Jugendlichen mutiger und dialog-freundlicher sind als die Erwachsenen, deren Unbehagen mit den erörterten Themen sie veranlasste, dafür zu plädieren, dass die Jugendlichen unter sich - also ohne Erwachsene - weiter diskutieren sollten. Auch das bei den Kids durch diesen Vorbehalt der Erwachsenen ausgelöste Dilemma wurde sichtbar, konnte aber in der Kürze nicht aufgelöst werden.

Bleibend wie die im Team gemeinsam entworfene Friedensfahne, die bei der Abschlussaufführung alle T-Shirts schmückte, war sicher und vor allem das Erleben, dass "Fremde" nicht ganz so verschieden und sicher nicht so bedrohlich sind, wie man uns oft glauben macht, weil sich in ihnen Ähnlichkeiten und Berührungspunkte finden lassen und sich in ihnen auch irgend etwas von uns selbst befindet. Trotz aller kulturell, religiös und sprachlich bedingten Verständigungsschwierigkeiten fanden am Friedenscamp wahrhaftige Begegnungen statt, und man beschloss beim frühmorgendlichen Abschied am Flughafen Klagenfurt unisono, dass es "noch ein Camp" geben müsse - "im nächsten Jahr, in Israel".

Ebenso bleibend die in der Aula des teilnehmenden Alpen-Adria-Gymnasiums Völkermarkt enthüllte Steintafel mit der Aufschrift "Ich vertraue dir" und dem Wort "Frieden" in deutsch, hebräisch und arabisch sowie der im Wintergarten der Schule gepflanzte Ölbaum.

Peacecamp 2004 wurde von einem Filmteam begleitet (Walter Wehmeyer); der Film wird bei der "Jüdischen Filmwoche Wien 2004" uraufgeführt und in der Folge auf einigen Fernsehstationen als Film zu sehen sein..

Eine ausführliche Bilddokumentation, sowie auch post-hoc Kommentare der TeilnehmerInnen finden Sie unter: http://peacecamp.blogger.de/, sowie unter http://peacecamptalks.blogger.de/  Diese Seiten werden sporadisch aktualisiert und halten Sie über die - hoffentlich nachhaltigen - Resultate des peacecamp-Projekts am Laufenden. Weitere Information unter www.gym1.at/peacecamp


Evelyn Böhmer-Laufer
September 2004

 

 

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